Schabs (Sciaves)–Bruneck–Innichen (San Candido)–Lienz 
116 km, 1430 hm, ø19,27 km/h

Ich muss mich ein bisschen entfalten nach der Doppelbewässerung der letzten Nacht. Diese Publikation berichtete davon: Nach einem warmen Abend verkroch ich mich ins Zelt – und ich glaubte nicht wirklich daran, dass es wirklich zu regnen beginnen würde. Doch es tat genau das. Und das Fussbaldfeld wurde gleichzeitig auch noch künstlich bewässert. Mit vielen zusätzlichen akustischen Specialeffects. Etwa zweieinhalb Stunden lang.

Ein Teil meiner Entfaltung findet beim Zmorge in der Raststätte statt, in der ich gestern schon gegessen hatte. Als ich dann endlich abfahre, gehts zuerst schon mal relativ steil bergauf, während die Hauptstrasse ganz nahe topfeben mit durchschnittlicher Abwärtstendenz ist. Wo bleibt da die Fairness? Immerhin, so viel ist sicher: Auf der Hauptstrasse wäre es auch kein Genuss. Die ist sehr dicht befahren und nicht wirklich breit.

Bis Bruneck sind es dreissig Kilometer. Und da ist dann auch Kaffee und Kuchen fällig, zumal es da auch ganz hübsch ausschaut: ein bisschen Italianità mit kaiserlich-und-königleichem Touch. Oder umgekehrt.

Dann das Pustertal hinauf, bis gut 1200 Meter, Richtung Innichen. Was mir grad nicht bewusst war: Ich war bin nun schon wieder zurück in Österreich, als ich in Innichen eine kurze Pause einlege. So viel zu meinem Geografiewissen. Und Grenzübergänge sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Früher war eben alles besser, sogar die Zollhäuschen mit ihren Grenzbeamten und der berühmten Frage, ob man denn etwas dabei hätte. So als Velofahrer könnte man ja mal antworten: Ja, ein Klavier.

Von da an gehts mit schöner Aussicht, aber recht starkem Gegenwind entlang des Flusses Drau dem Tal entgegen. Ich habe ja gehofft, dass das Schicksal fair sei und dass der Gegenwind bei der Auffahrt revanchiert würde mit Rückenwind bei der Abfahrt. Immerhin, möglich wär das schon gewesen, da es heute merklich kühler ist und sich eventuell die ganze Sache mit dem Berg-und-Tal-Wind  hätte umkehren können. War aber eben nicht so. Darum gestaltet sich – mindestens zu Beginn – auch die Abfahrt nicht so flüssig.

So gut dreissig Kilometer vor Lienz wurde der Wind dann schwächer, und es kam tatsächlich so etwas wie Passabfahrtsfeeling auf.

Dass sich das gebuchte Hotel in Lienz am Hang befindet und die Strasse dort hin genau in der Falllinie gebaut ist, gibt mir den Rest. Aber „rest“ heisst auf Englisch „ausruhen“, und das erwartet mich da. 

Das Städtchen erkunde ich am nächsten Morgen, kaufe zwei, drei Sachen ein, unter anderem eine kleine Gaskartusche, auf dass ich nicht in der Wildnis des Tirols verhungern muss, wenn ich wieder mal in der Wildnis – oder neben einem Sportplatz eines ganz kleinen Ortes – strande.